Aufschlussreiche Dokumente über die letzten Jahre des II. Weltkrieges und schließlich über die Ereignisse zum Kriegsende lassen sich in Bad Frankenhausen nur wenige auffinden. Die beiden Autoren dieses Beitrages Ingrid Mansel (Bomben über der Stadt/Einmarsch der Amerikaner) und Dr. Ulrich Hahnemann (Einrücken der Russen/Sowjetische Besatzungszone) haben deshalb die unterschiedlichsten Quellen bemühen müssen, um ein möglichst authentisches Bild dieser Zeit vermitteln zu können.

Bomben über der Stadt

Mit dem Einmarsch der amerikanischen Panzerspitzen in Bad Frankenhausen am 11. April 1945 war für unsere Stadt der Krieg de facto beendet.
Obwohl unserer Heimatstadt das Schicksal vieler im Krieg ausgebombter Städte erspart geblieben ist, soll daran erinnert werden, wie dieser Kelch nur knapp an ihr vorüber ging:

Spreng- und Brandbombenangriff am Freitag, dem 21. Januar 1944, nachts, 21-24 Uhr

Ein leider unbekannter Augenzeuge hinterließ dazu ein schriftliches Zeugnis:

„ ... Gegen 11 Uhr abends wurde plötzlich Fliegeralarm gegeben. Die Sirene vom Dache des Finanzamtsgebäudes heulte durch die sternenklare Nacht ihren schauerigen Ton. ... 10 Minuten nach dem Alarm brachte eine heftige Explosion die Gebäude, Fenster und Türen in unserer Stadt zum Erschüttern. Eine Sprengbombe war in nächster Nähe der Stadt explodiert. Gleichzeitig waren über 1000 Stabbrandbomben über dem Südhang des Kyffhäusergebirges abgeworfen worden. Das Aufflackern dieser Bomben erstreckte sich ungefähr von der Gegend Kattenburg bis zur Bärentalhöhe und bot einen schaurig-schönen Anblick dar. ...“ 1

Über dem ganzen Tal von Bendeleben bis hinter Ichstedt, Udersleben sowie Bretleben, die Nackenchaussee eingeschlossen, wurden sowohl Brand- als auch Sprengbomben abgeworfen.

Zum Glück für die Stadt, aber auch die Amtsdörfer Udersleben, Ringleben, Esperstedt und Seehausen, lagen die Einschläge außerhalb des bewohnten Gebietes, so dass zumeist nur zerschlagene Fensterscheiben und Brandschäden, besonders im Forst, zu beklagen waren. Das waren Kriegsschäden, welche der Stadtverwaltung zu melden waren und nach Möglichkeit von dieser erstattet worden sind. Besonders hart hatte es die Berghütte des Maurermeisters Förderer und das Nachbarhaus von Jahn, an einem Berghang oberhalb des Taleinschnittes am Jüdischen Friedhof, getroffen. In nächster Nähe der Stadt waren ebenfalls Stabbrandbomben abgeworfen worden, so im Knopfmacherhölzchen und dessen Umfeld, auch in den Städtischen Anlagen, direkt vor den Felsenkellern ging eine Stabbrandbombe nieder.

Sprengbomben am Ostersonnabend, dem 31.3.1945

Überraschender und quasi ohne Vorwahrnung, denn Alarm und Bombenabwurf erfolgten nahezu zeitgleich, allerdings ungleich tragischer, folgte am Ostersonnabend, dem 31.3.1945, der zweite große Bombenangriff auf die Stadt. Er kostete drei Bürgern das Leben: August Pätz, Gärtner des Kinderheims an der Wipper, und dessen knapp 7 Jahre alten Tochter, sowie Bürger Willy Müller. Der Bomben-»Teppich« erreichte damit am Gärtnerhaus und mit dem Garten des Herrn Müller den äußersten westlichen Stadtrand, ansonsten erstreckten sich die Bombenabwürfe zu beiden Seiten der Wipper bis nach Rottleben im freien Feld. Die übrige Stadt blieb bis auf Schäden durch den entstandenen hohen Luftdruck verschont.

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Bombeneinschläge westlich von Frankenhausen, Aufnahme 19. Juli 1945,
Bild: geoportal-th.de
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Weiteres Luftbild der Bombeneinschläge westlich von Frankenhausen, Aufnahme 11. Mai 1945,
Bild: geoportal-th.de

Unter den Einwohnern entstanden nach diesem Angriff zahlreiche, zum Teil recht abenteuerliche Gerüchte, warum die Stadt selbst nicht getroffen war, zumal die Zielgenauigkeit der alliierten Bomber allgemein bekannt war. Ebenfalls machte der Termin des Angriffs, kurz nach 9 Uhr morgens, stutzig. Ein ehemaliger Frankenhäuser, welcher nach Freigabe der anglo-amerikanischen Geheimdokumente dieses Ereignis zu verstehen suchte, erklärt:

„Erst nach 50 Jahren wurden die geheimen militärischen Dokumente, die Aufschluss dazu geben konnten, zugänglich. Trotz intensiver Recherchen wurde kein Dokument gefunden, in dem unsere Stadt befohlenes Angriffsziel war, bis auf eine Ausnahme. Die Frage, warum unsere Stadt bombardiert und nicht getroffen wurde, lässt sich dennoch mit Hilfe des Puzzles, das sich durch das Studium aller vorhandenen militärischen Dokumente von deutscher und alliierter Seite zusammen setzen lässt, hinreichend beantworten, wobei hier nur die wesentlichen Fakten genannt werden können...“ 2

„Es steht eindeutig fest, dass Bad Frankenhausen von B-17 Bombern in 3 Wellen um 9 Uhr 10 Minuten angegriffen wurde, die zu einem Verband von 432 Maschinen gehörten, welche ihre Primärziele Lützkendorf und Merseburg/Leuna wegen 10/10 Bewölkung nicht angriffen und dafür beim Rückflug das vorgesehene Sekundärziel Halle (369 Flgz.), sowie als so genannte Gelegenheitsziele Leipzig (8 Flgz.), Weimar (36 Flgz.), Aschersleben (7 Flgz.) angriffen, wobei 1 Flugzeug ein weiteres ungenanntes Ziel bombardierte. Beim Zahlenvergleich stellt man eine Differenz von 11 Bombern fest. Es ergibt sich der Schluss, dass es sich um den Teilverband handelte, der über unserer Stadt beim Rückflug seine Bomben los werden wollte, denn es befanden sich noch einige deutsche Messerschmitt Me 109 und Me 262 in der Luft. Die Tatsache, dass es kein geplanter Angriff mit Pfadfindermaschinen war und die Bewölkung eine visuelle Bombardierung nicht erlaubte, erklärt die Zielungenauigkeit, der wir meiner Überzeugung nach unser Überleben verdanken und nicht einem »Amerikaner in einer Pfadfindermaschine«, welcher - wie es die Legenden behaupten - am Technikum unserer Stadt studiert hätte und nicht wollte, dass unsere Stadt sterben sollte. Da die Bomber dieses Verbandes einheitlich Ladungen von je 6 x 500 kg Allzwecksprengbomben trugen, kann man mit großer Sicherheit eine Zahl von 66 Bomben mit insgesamt 33 Tonnen Sprengstoff errechnen.“ 2

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Anglo-amerikanische B-17G beim Bombenabwurf
Bild: gemeinfrei

Einmarsch der Amerikaner am 11. April 1945

Präzise Fakten über Ereignisse und Vorfälle beim Einmarsch der Amerikaner in die Stadt sind in Bad Frankenhausen nicht aktenkundig gemacht worden, wie das z. B. in Sondershausen geschehen ist. Aus diesem Grunde wird man auch zu dem, was sich am 11. April 1945 in Bad Frankenhausen ereignete, keine hundertprozentig schlüssige Aussage finden. Es bleibt daher nur, in den Ratsakten „zwischen den Zeilen“ zu lesen, und es bleibt, Zeitzeugen zu befragen. Wichtige Aufschlüsse geben die Forschungen und Veröffentlichungen des militärgeschichtlichen Schriftstellers und Publizisten Jürgen Möller aus Ansbach 3, und erschütternde Berichte finden sich in einer Akte des Regionalmuseums zur Erforschung der örtlichen Geschichte der Arbeiterbewegung. 7

Während viele Geschehnisse bekannt sind und noch ergänzt werden könnten, ist von Anfang an kein Frankenhäuser Vorkommnis so von Gerüchten überwuchert, wie der Tod der Frankenhäuser Volkssturmmänner bei der Teichmühle während des Heranrückens der ersten amerikanischen Panzer. Und das, obwohl es durchaus glaubwürdige Niederschriften von Augenzeugen im Regionalmuseum gibt 7. Der oben zitierte Jürgen Möller versuchte ebenfalls, diesen Dingen auf den Grund zu gehen und nutzte dabei die Möglichkeit, die Kriegstagebücher der amerikanischen Streitkräfte aus dem Bestand des National Archives und die Chroniken der amerikanischen Divisionen in seine Forschungen einzubeziehen. 3

Um im Militärischen Unerfahrene nicht zu überfordern, nachstehend nur auszugsweise seine Ergebnisse:

„Im Abschnitt der 1st US Army nimmt am Morgen des 11. April 1945 das V. und VII. US Corps den Angriff wieder auf. ... Im Abschnitt des V. US Corps setzen an diesem Tag die Panzerkolonnen der 9th US PzDiv unter dem Kommando von Maj.Gen. John W. Leonard zum Stoß nach Osten an. ... Die Co. C, 52nd AIB unter dem Kommando von Captain Wortham, welche nach der Besetzung von SONDERSHAUSEN jetzt den weiteren Vormarsch des CCB anführt, stößt mit den unterstellten Panzern und Panzerjägern zügig von SONDERSHAUSEN aus an der Südostecke der WINDLEITE vorbei nach FRANKENHAUSEN. ... Nur durch kurze Halte bei der Beseitigung von Straßensperren gebremst, nähern sich die Spitzen der Co. C BAD FRANKENHAUSEN. In FRANKENHAUSEN war bereits am frühen Morgen Vollalarm ausgelöst worden ...“ 3

„Am Tage des Einmarsches der Amerikaner frühmorgens wurde ein 7.er derartiger Trupp aufgestellt, den ein Feldwebel ... übernahm. ... Er rückte auch gleich nach der Aufstellung nach Teichmühle ab. Keiner kam lebend zurück.“ 7

Ein weiterer Bericht dazu:

„Gewehre empfangen, aber kein Schuss Munition. Für uns alle gab es nur eins, wir schießen nicht. ... wir liefen los, wir überholten alle Kameraden, die später gefallen waren. Eine kurze Besprechung, aber sie blieben auf dem Platz auf der Wiese an der Ecke, wo sie den Tod fanden. Wir anderen gingen nach der Kiesgrube. Hier waren Hunderte von Volkssturmleuten und versprengten Soldaten versammelt. Der damalige Komp. Führer ... gab uns den guten Rat: „Verschwindet aus der Grube“. ... Die Waffen-SS lagen alle in Schützenlöchern außerhalb der Grube nach Richtung Westen.“ 7

„Dem größten Teil des Volkssturms gelingt das Absetzen noch vor dem Auftauchen der ersten amerikanischen Panzer. Auch die Masse des in der Stadt befindlichen Personals eines Zweigs des Reichssicherheitshauptamtes, welches von BERLIN nach FRANKENHAUSEN verlegt worden war, kann sich rechtzeitig über den KYFFHÄUSER nach Norden absetzen. Zwei deutsche Panzer fliehen aus Richtung SEEGA vor der aus Süden in das WIPPERTAL eindringenden Flankenaufklärung des CCA durch FRANKENHAUSEN. Gegen 15.00 Uhr erkennen die Beobachter an der TEICHMÜHLE Feuer über BENDELEBEN. Kurze Zeit später ist Kettenrasseln aus Richtung ROTTLEBEN zu hören. Als der erste Panzer auf die TEICHMÜHLE zurollt, wird eine Panzerfaust abgeschossen. Dabei wird Captain Wortham schwer verwundet. Der Panzer hält, ein kleiner Panzerspähwagen fährt vor und eröffnet das Feuer mit seinem schweren Maschinengewehr. 14 Volkssturmmänner finden dabei den Tod. 1st Lieutenant Wheeler übernimmt das Kommando und führt die Task Force der Co.C durch FRANKENHAUSEN hindurch.“ 3

Um nochmals anderen Gerüchten entgegen zu treten: Die Toten waren alle in Zivil gekleidet, nur einer gänzlich ohne Bekleidung. Und von einem unerkannt gebliebenen deutschen Soldaten wird berichtet, dass er einen Stock umklammerte, um den ein weißes Tuch gebunden war. Außerdem war vor Ort tatsächlich deutsche Munition gefunden worden, obwohl es anderslautende Berichte dazu gab. 7

Eine Erklärung für die unterschiedlich benannten Opferzahlen an der Teichmühle könnte die sein: Jürgen Möller hält sich an die Augenzeugenberichte 7, dort wird bei einem 7.er Trupp von 14 Kämpfern ausgegangen. Das ist auch so beim Ausrücken beobachtet worden. Indes scheinen sich rechtzeitig zwei von ihnen in Sicherheit gebracht zu haben.

12 Sterbefälle führt das Standesamt für den 11. April 1945, wohingegen die Akte der Friedhofsverwaltung 4 vom 11. April 1945 die „Reihenfolge der Gräber von Gefallenen an der Teichmühle“ mit 21 Namen auflistet. Diese Diskrepanz ergibt sich offensichtlich aus der Tatsache, dass scheinbar auch die letzten Kriegstoten dort mit aufgenommen worden sind.

Eine Aktennotiz vom 6. Juni 4, nachrichtlich abgezeichnet von Karnstedt - er war Beigeordneter im Stadtrat - lässt darauf schließen, dass es zunächst für alle 21 in der Friedhofsliste aufgeführten Verstorbenen eine Massengrabstätte gegeben haben muss. Die Umbettung in ordentliche Grabstellen sollte nach Vorstellung Karnstedts in 10 doppelte Gräber und 1 Einzelgrab erfolgen, was zunächst abgelehnt worden ist, weil Einzelbestattung erwünscht. Daher wurden 21 Grabkreuze aus Eichenholz bei der Firma Richard Aschenbach, Kunsthandwerkstätte für Holzschnitzerei Bad Frankenhausen, bestellt und am 3. November 1945 geliefert. Aus dieser Aktennotiz geht ferner hervor, dass sich im gemeinsamen Grab auch 4 SS Männer befunden haben sollen, deren Entfernung gefordert wurde.
In einer weiteren Aktennotiz von Karnstedt 4 vom 27. Oktober 1945 erfährt man, dass auch die am 8.4.1945 von der SS erschossenen 4 ehemaligen Wehrmachtsangehörigen umgebettet werden sollten.

Eine aktuelle Vorortbesichtigung ergibt, dass die vormaligen 21 Holzkreuze inzwischen durch Metallkreuze aus der Kunst-Metallgießerei Leubingen 1995 ersetzt worden sind. Außerdem ist festzustellen, dass entgegen der o. g. ausdrücklichen Ablehnung von Doppelgrabstellen jetzt 10 Kreuze doppelt plus 1 Kreuz einzeln belegt sind, und zwar in der Reihenfolge der o. g. Liste der Friedhofsverwaltung. Zweimal heißt es wie auch in der Akte „Unbekannt, 1945“. Die zweite Grabkreuzreihe (10 Kreuze) ist den Gefallenen im Zeitraum des Krieges von 1940 bis 1945 gewidmet.

Die Tatsache der Massengrabbestattung geht aus einer Grabrede zur Beisetzung der Toten hervor:

„Am Mittwoch, 18. April 1945, vormittags 11 Uhr, umstanden viele, viele Frauen und Männer unserer Stadt ein Massengrab.“ 7

Dieses war „in großer Länge für 20 Särge ausgehoben worden." Die weiteren 8 Särge der Soldaten wurden später beigesetzt. Die immer noch bestehenden Unstimmigkeiten werden wohl kaum noch geklärt werden können.


Die getöteten Männer an der Teichmühle waren im Alter von 31 bis 55 Jahren.

Panzer in der Stadt

Während die kleine Vorausabteilung, welche nach der Tragödie an der Teichmühle die Stadt auf dem Feldweg (heute Bachmühlenweg), welcher neben der früheren Bachmühle in die Stadt mündet, erreicht, rücken, von Nordhausen kommend, die Verbände der westlichen Alliierten über die Rottleber Str./ Nordhäuser Straße in die Stadt ein.

Möller berichtet dazu:

„Ohne weitere Kämpfe wird die Stadt von der nachfolgenden Co.B besetzt. Letzte Gruppen von SS- Angehörigen, Gestapo und der örtlichen Polizei fliehen zum Teil in Zivil aus der Stadt. Das nachrückende CT 23 unter dem Kommando von Col. Jay B. Loveless der 2nd US InfDiv besetzt im Verlauf des nächsten Tages die Stadt. Hier fallen den amerikanischen Streitkräften u.a. die Labors des Kyffhäusertechnikums mit den dort befindlichen Unterlagen der Aerodynamischen Versuchsanstalt der Deutschen Luftwaffe PEENEMÜNDE in die Hände. In der Stadt wird der Alt-Bürgermeister Fritz Schünzel zum Bürgermeister eingesetzt.“ 3

Soweit die Darstellung der militärischen Fakten durch Jürgen Möller. Ab jetzt kann man nur versuchen, die Ereignisse durch Zeitzeugenberichte und eine äußerst „dünne“ Aktenlage zu „rekonstruieren“. Die fast kampflose Einnahme der Stadt wird durch Bürger bestätigt; es gibt Aussagen dazu, dass bereits am Ortseingang in der Rottleber Straße weiße Tücher ebenso wie auch in der Stadt aus den Fenstern gehangen haben, insbesondere natürlich über dem Balkon des Rathauses.

Das scheint auf die Initiative und Anweisung des noch amtierenden Bürgermeisters Friedrich Neubauer geschehen zu sein. Er ließ durch ein Lautsprecherauto in der Stadt die Aufforderung zur friedlichen Aufgabe verkünden. Ein Indiz dafür, dass es eine einigermaßen geordnete Übernahme des Bürgermeisterpostens gegeben haben muss, sind sowohl das Entlassungspapier für Neubauer vom 13. April 1945, dass er seine Ämter übergeben habe 5, als auch die Anstellungsvereinbarung 6 für Friedrich Schünzel, ebenfalls vom 13. April 1945, die vom beratenden Ausschuss des Bürgermeisters und von der amerikanischen Militärregierung abgeschlossen wurde. Da sich Bürgermeister Neubauer nicht durch Flucht, wie Verantwortungsträger anderenorts, den Konsequenzen entzog, hat es eindeutig einen geregelten „Schlagabtausch“ gegeben, sehr zum Wohle der Stadt.

Jedoch ganz konfliktlos verlief der Einmarsch der Panzereinheiten nicht. Als der erste Panzer in der Nordhäuser Straße kurz vor dem Einbiegen in die Zinkestraße war, überflogen drei Kampfflugzeuge den Botanischen Garten, angeblich 2 amerikanische und 1 deutsches, die sich gegenseitig beschossen, zur Unterstützung eröffnete der erste der Panzer ebenfalls das Feuer, woraus sich ein kurzes Gefecht zwischen dem Panzer und den Fliegern ergab. Das deutsche Flugzeug soll dabei getroffen und über dem Kyffhäuser abgestürzt sein. Dass es dabei keine Verletzten gegeben hat, ist ein besonderer Glücksfall, denn nach Augenzeugenberichten „spritzten“ Splitter und kleinere Einschläge mitten in die äußerst zahlreich versammelte Menschenmenge am Rande der Straße, welche die amerikanischen Truppen erwartete. Nach diesem Scharmützel gab es dann auf dem Anger eine weitere Schiesserei, bei der ein ehemaliger deutscher Wehrmachtsangehöriger schwer verletzt worden ist. Eine kleine Gruppe von Soldaten hatte sich im Realgymnasium versteckt gehalten, sie wollte sich noch in letzter Minute vor den Besatzern in Sicherheit bringen und lief trotz Warnung weiter.

Im Stadtgebiet selbst kamen nach und nach die Einwohner, von denen sich viele in den Luftschutzkellern aufgehalten hatten, so z. B. in dem großen Keller unter dem Frankenhäuser Schloss, heraus. Dort nahmen die Amerikaner einige Volkssturmmänner gefangen und brachten sie später in das Gefangenenlager Bad Kreuznach, das manche nicht überlebten. Die rund um Gelände und Haus des ehemaligen Domänengutsverwalters (Bahnhofstraße) postierten weiteren Volkssturmmänner ergaben sich ohne Widerstand. Allerdings hätte es hier beinahe zu einer ähnlichen Katastrophe kommen können. Ein junger fanatischer Volkssturmmann wurde in letzter Minute durch einen besonnenen älteren daran gehindert, eine Panzerfaust abzuschießen.

Die Amerikaner lösten umgehend die drängendsten Probleme. Es galt, für die erschöpfte Einheiten „Quartier zu machen“. Die Autorin dieses Beitrages erlebte das so, dass z. B. das damalige Bezirkskrankenhaus geräumt und für die Amerikaner bereitgestellt werden musste. Einwohner ganzer Straßenzüge, hier im konkreten Fall die der Sternbergstraße, mussten innerhalb kürzester Frist für amerikanische Offiziere evakuiert und zeitweilig in die Häuser einer anderen Straße (Bachweg) als eine Art Untermieter umquartiert werden. Die unteren Chargen der amerikanischen Soldaten kampierten feldmäßig auf der Straße bzw. in ihren Militärlastkraftwagen im Stadtgebiet. Ein großes Verpflegungszelt an der damaligen Gottesackerkirche sicherte die materielle Versorgung.
Parallel dazu begann die Militärmacht, ihre Präsenz in allen Bereichen des städtischen Lebens zu manifestieren. Sie setzte, wie oben beschrieben, einen neuen integren Bürgermeister ein und verpflichtete diesen, die Vorschriften der „Military Goverment of Germany“ 6, also der Militärregierung für Deutschland, durchzusetzen. Was hinter den drei „Eckpfeilern“ dieses Erlasses steckt, ist heute kaum noch nachzuvollziehen:

„ ...

  1. die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung;
  2. die Ausrottung des Nationalsozialismus, des nationalsozialistischen Beamtentums, deren
  3. Helfershelfer und aller militaristischen Tendenzen;
  4. die Ausmerzung jeglicher unterschiedlicher Behandlung auf Grund von Rasse, Religion,
  5. oder politischer Überzeugung.

...“

Manch älterer Bürger wird sich noch an die streng geregelte Ausgehzeit erinnern, aber auch daran, wie Photoapparate, Ferngläser, u. dergl., abgegeben werden mussten, für Waffen verstand sich das sowieso. Die Einziehung der Rundfunkkleinempfänger, der sog. »Goebbelsschnauzen« traf die Einwohner ebenfalls empfindlich. Die meiste Unruhe verbreitete allerdings das Entnazifizierungsgesetz, das zur fast totalen Neubesetzung von Ämtern und Polizeiposten sowie auch zu tiefgreifenden Einschnitten im familiären Bereich führte.
Ein weiteres Eingehen auf diese Problematik gehört nicht mehr zur Zielstellung dieser Abhandlung.
Im Juli des Jahres 1945 ging die militärische Oberhoheit an die Rote Armee über.

Historische Fakten:
9. Mai 1945 offizielles Kriegsende, für den ersten Thüringer Ort begann der Frieden am 1. April 1945. Von Bad Hersfeld kommend erreichte die vierte Panzerdivision der dritten US-Armee die Hörschel. Am Abend besetzten die Truppen Creuzburg. Von da an rückten die US-Truppen fast stündlich vor: Am 6. April in Bad Langensalza, am 9. April in Heiligenstadt, am 11. des Monats erreichten sie Buchenwald. Weimar wurde kampflos übergeben. Einen Tag später, am Abend des 12. April war Erfurt nach heftigen Straßenkämpfen mit Wehrmachtseinheiten vollständig in den Händen der US-Truppen.

Der Vorstoß nach Thüringen war Teil der strategischen Operation, die am 25. April mit dem Zusammentreffen amerikanischer und sowjetischer Truppen an der Elbe abgeschlossen wurde. Über den bevorstehenden Abzug der US-Truppen und die Übergabe Thüringens an die sowjetischen Verbündeten versuchten die Alliierten die deutsche Bevölkerung bis zum Schluss im Unklaren zu lassen, um eine Massenflucht zu verhindern. Am 1. Juli zogen die US-Truppen ab und übergaben Thüringen an ihre sowjetischen Verbündeten.
(Thüringer Allgemeine vom 15. Januar 2005)

Dr. Ulrich Hahnemann, Ingrid Mansel März 2006

Literaturnachweis

  1. Augenzeugenbericht eines leider unbekannten Verfassers (Museumsbestand)
  2. Schicksalstage unserer Stadt, eine authentische Recherche von Hans Schneider, der Verfasser derselben ist ein ehemaliger Frankenhäuser und jetzt pensionierter Englischlehrer in Nordhausen, der auf Grund seiner Sprachkenntnisse Direktkontakte knüpfen und sich daher auf Originalquellen stützen konnte mit Führungsabteilungen sowohl der englischen als auch der amerikanischen Air Force sowie auf Quellen im Bundesmilitärarchiv Freiburg, sowie Lichterfelde, im Thüringischen Hauptstaatsarchiv Weimar und dem Thüringischen Staatsarchiv Gotha
  3. Erste Veröffentlichung der Forschungsergebnisse aus den Kriegstagebüchern der amerikanischen Streitkräfte aus dem Bestand des National Archives und der Chroniken der amerikanischen Divisionen: „Die amerikanische Besetzung Nordthüringens durch die 1st US Army im April 1945“, Band 11, 2001, der Zeitschrift des Vereins ARATORA Artern, Jürgen Möller, Ansbach/Bayern, militärgeschichtlicher Schriftsteller und Publizist
  4. Auszug aus Ratsakte 1/IIK-162
  5. Auszug aus Ratsakte 1/IID-310
  6. Auszug aus Ratsakte 1/IIA-218
  7. Erforschung der örtlichen Geschichte der Arbeiterbewegung, Signatur IX/i-15, im Kreisheimatmuseum Bad Frankenhausen