Kinderheilanstalt

In der Mitte des vorigen Jahrhunderts gab es bereits in verschiedenen Orten, wie Jagsfelde, Rothenfelde, Elmen, Salzuflen und Sülze, Kinderheilanstalten für skrofulöse Kinder. Am 1. August 1876 wurde in Frankenhausen die erste Kinde-Kureinrichtung unter der Leitung von Minna Hankel eröffnet.

Unter den Kindern in der armen Bevölkerung, vorwiegend der Großstädte, waren Skrofulose und Tuberkulose weit verbreitet. Diese Krankheiten zogen Haut-, Knochen- und Lungenveränderungen nach sich und waren Begleiterscheinungen schlecht durchlüfteter Wohnungen, ungenügender Ernährung, nicht ausreichender Hygiene und ungesunder Lebensweise.

Trinkkur

Die Trinkkur stand früher im Mittelpunkt aller Anwendungen. Meist wurde die Sole gegen Erkrankungen der Atemwege, des Unterleibes, gegen Würmer und Blasensteine verwendet.

Der Schönebecker Salinenarzt Johann Wilhelm Tolberg veröffentlichte 1803 seinen Aufsatz „Über die Ähnlichkeit der Salzsoole mit dem Seewasser und den Nutzen der Solbäder“. Er empfahl, täglich 3-4 Weingläser verdünnte Sole zu trinken. Der Sole wurde z.T. Milch, Honig oder Fleischbrühe zugesetzt.

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Trinkkur an der Elisabeth-Quelle um 1916

Badekur

Die Badekur erfolgte in angewärmter Sole mit unterschiedlichem Salzgehalt. Das Wasser durfte nicht zu warm und nicht zu konzentriert sein. Zeitdauer und Anzahl der Bäder pro Woche wurden für jeden Patienten festgelegt. Nach dem Baden folgte kaltes oder warmes Duschen.

1842 Flutwellenbad
1878 Neues Badehaus mit beheizten Zellen und Porzellanwannen
1879 Neues Dampfbad (zwischen dem Oberen und Unteren Bad) Es handelte sich um einen Dampfraum mit Sitzduschen und Zellen zum Nachschwitzen.
1896 Dampfbad wurde modernisiert
kinderbaden um 1930 800x533Kinderbaden um 1930

Inhalationskur

Bei der Inhalationskur wird das Heilmittel eingeatmet. In besonderen Apparaten wurde die Sole, meist 4%ig, zerstäubt. Die gelösten Solepartikelchen gelangen mit dem kranken Gewebe in Berührung. Die Inhalation wurde in geschlossenen Räumen für ganze Gruppen oder später mit kleinen Geräten in Einzeltherapie durchgeführt. Außerdem verordnete man Spaziergänge an den Gradierwerken.

1876 Erste Inhalationshalle auf Anregung von Dr. Kreismann errichtet
1881 Zweite Inhalationhalle wurde gebaut
1910/1911 Erweiterung der Inhalationshalle
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Kinder beim Inhalieren, 1930

Die Verpflegung eines Kindes

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Schreiben Minna Hankels

Die Verpflegung eines Kindes im
Jahre 1877 beträgt nach der gemein-
schaftlich mit Frau Aline Hornung
aufgestellten Berechnung
62 Mark 13 2/23 (Groschen)
ohne Amortisation der Utensilien.

Minna Hankel
Frankenhausen
den 31. October
1877.

Die gute Wirkung der Frankenhäuser Sole war bekannt, und immer wieder stellten sich rasche Heilerfolge ein.

Besonders dankbar zeigte sich Frau Klara Riese aus Berlin, deren Kind schnell von Skrofulose geheilt wurde. Sie beauftragte ihren Bruder C.A. Schüttler aus Hannover mit der Errichtung einer Kinderheilanstalt in Frankenhausen.

Der damals mit Erfolg praktizierende Badearzt Dr. Gräf und der Frankenhäuser Bankier Wilhelm Schall stellten finanzielle Mittel bereit. Minna Hankel wurde die erste Vorsteherin und erwarb sich überaus große Verdienste in der weiteren Entwicklung der Kinderheilanstalt.

Mit Beginn des 1. Weltkrieges stellt der Verwaltungsrat die Kinderheilanstalt dem Roten Kreuz zur Aufnahme von Kriegsverwundeten zur Verfügung. Vier Gebäude (Hauptgebäude, Villa „Therese“, Krankenhaus und Frankenburg) wurden insgesamt mit 200 Betten belegt.

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Minna Hankel (1827-1902)
Minna Hankel wurde am 15. Februar 1827 als älteste Tochter des Medizinalrates Hankel in Frankenhausen geboren. In selbstloser Weise leitete sie 26 Jahre die Kinderheilanstalt. Sie starb am 19. Oktober 1902. Ihre besonderen Verdienste bestehen in der ständigen Suche nach Geldgebern. In hervorragender Weise achtete sie auf die Einheit von medizinischer und psychischer Betreuung. 1898 schenkte Minna Hankel der Anstalt 5.000 Mark und behält sich zum Leben lediglich den Zinsertrag vor.

Ab 1915 nutzte man die Gebäude im Sommer für die Durchführung von Kinderkuren und im Winter als Lazarett. Trotz zunehmender Geld- und Lebensmittelknappheit konnten jedes Jahr kranke Kinder aufgenommen werden.

JahrKinder (ges.)MädchenJungen
1918 896 574 322
1919 872 556 316

Mehr als die Hälfte der Kinder waren damals an Skrofulose erkrankt, ein kleiner Teil an Tuberkulose. Weiterhin wurden Hauterkrankungen und Augenleiden behandelt.

Um die Entwicklung der Kinderheilanstalt hatten sich verdienstvolle Persönlichkeiten der Stadt bemüht:

  • Landrat Fritze
  • Landrat Reinbrecht
  • Chefarzt Herr Geh. Sanitätsrat Dr. med. Gräf
  • Rechtsanwalt und Notar E. Landgraf

In der Zeit nach dem 1. Weltkrieg vermittelte die Fürstin Anna-Luise von Schwarzburg-Sondershausen Gelder und Naturalien. Die Tochter des ehemaligen Kurarztes Dr. med. Kreismann besorgte Lebensmittel.

In all den Jahren sorgten die engagierten Mitglieder des Verwaltungsrates und zahlreichen Spender für bauliche und inhaltliche Erweiterungen.

1899 ein Spielplatz für die Kinder wird gepachtet
1900 Eine neue Knabenbaracke entsteht
1892 Bis 1910 werden auch erwachsene junge Mädchen zur Kur aufgenommen
1902 Nach dem Tod von Minna Hankel wurde Betty Hesse aus Gifhorn die Nachfolgerin
1905 Landrat A. Klipsch starb, Nachfolger wurde Kirchenrat Hesse
1906 Das Isolierhaus wurde erweitert, Bürgermeister Sternberg arbeitete im Verwaltungsrat mit. Durch die Stadt wurden zwei Freistellen bezahlt
1922 Sanitätsrat Dr. med. Gräf starb
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Brief von Willhelm Schall an Landrat Klipsch vom 19.7.1877

Frankenhausen. 19. Juli 1877
Herrn Landrath Klipsch. Vorsitzender des Verwaltungsrathes der Kinder Heilanstalt zu Frankenhausen

Geehrter Herr Landrath,
Ich wünsche Ihnen zu bestätigen daß ich behufs Weiterbau der Kinder- Heilanstalt eine Collecte bis zu dem Betrag von Sechs Tausend Mark übernommen habe. Ich verpflichte mich den Minderbetrag der Collecte zu ergänzen + werde spätestens im Januar 1878 die erwähnten M 6000 - unserem Rechnungsführer, H Alfred Barth auszahlen.

Mit bekannter Hochachtung W(.) Schall

Wilhelm Schall (1828-1916)

Der finanzielle Hauptanteil für die Erhaltung und Durchführung der Kinderkuren wurde durch Wilhelm Schall getragen. Wilhelm Schall lebte zunächst als Bankier in Paris und hielt sich nur in den Sommermonaten in Frankenhausen auf. Ab 1893 hatte er seinen ständigen Wohnsitz in Frankenhausen. Wilhelm Schall stellte immer wieder umfangreiche finanzielle Mittel und Grundstücke oder Stiftungserträge für die Kinderheilanstalt zur Verfügung. Bis zu seinem Tod im Jahre 1916 war Schall Mitglied des Verwaltungsrates. Die gesamte Familie Schall trat als Förderer der Stadt Frankenhausen in Erscheinung.

Behandlungen

1878 50 Kinder (3 Kurdurchgänge)
1891 217 Kinder
1925 926 Kinder

Die Kurdurchgänge dauerten meistens drei bis vier Wochen. Aufnahme fanden Kinder aller Bevölkerungsgruppen. Auch behinderte Kinder wurden behandelt. Kinder mit amtlichem Armutszeugnis erhielten Fahrpreisermäßigung.

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Gedenkstein
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Kinder zur Kur
um 1910

Für Kinder, die auf Armenkosten und Privatwohltätigkeit untergebracht wurden, legte man die Kurdauer auf 28 Tage fest. Die Kosten dafür betrugen 45 Mark (einschließlich der Kosten für Bäder, Arzt und Medikamente. Außerdem gab es noch Freistellen, die von Spendern gestiftet wurden.

Kinder bemittelter Eltern bezahlten für 28 Tage 60 Mark, zuzüglich der Kosten für die Heilbehandlung nach spezieller Vereinbarung. In den Jahren 1876 bis 1891 standen für die Kinderbetreuung zwei Ärzte, zwei Diakonieschwestern und weitere Wärterinnen zur Verfügung.