In den Novembertagen des Jahres 1865 versetzte ein Entführungsversuch mit politischer Dimension die Menschen am Fuße des Südkyffhäusers in gehörige Aufregung. Der in Frankenhausen praktizierende Arzt Dr. med. Carl Weiße hatte den Plan gefaßt, Prinz Sizzo (1860 - 1926), den fünfjährigen Sohn des regierenden Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt, Fürst Friedrich Günther (1793 - 1867, reg. 1814 - 1867), zu entführen.

Dr. Weiße galt als ein Mensch von reizbarem und exzentrischem Wesen, der sich fortwährend mit den schwarzburgischen Landesbehörden zankte und sich von diesen benachteiligt behandelt fühlte. Im hochbetagten Fürst Friedrich Günther sah er den Schuldigen, an dem er sich rächen wollte.

Erpressung von Lösegeld

Sein Ziel war die Erpressung eines Lösegeldes von rund 20.000 Thalern, um in die USA auswandern zu können. Bevor er sich 1857 als praktischer Arzt in Frankenhausen niederließ, hatte er mehrere Jahre in dem zum Fürstentum gehörenden Dorf Ichstedt praktiziert. Aus dieser Zeit kannte er den jetzt im unweiten preußischen Hackpfüffel wohnenden Leineweber Johann Andreas Christoph Heise, den er 1864 ins Vertrauen zog und für die Durchführung der Entführung gewann.

Höhle wurde mit Nahrung und Wasser ausgerüstet

Als sicheres Versteck für den zu entführenden Prinzen war die „Bärenhöhle“, nur unweit der Straße Frankenhausen - Rottleben - Sondershausen, im Kyffhäusergebirge vorgesehen. Dr. Weiße, im schwarzburgischen Dorf Rottleben geboren und aufgewachsen, kannte die Höhle aus Kindertagen. Er selbst hatte in der Höhle eine Ruhebank aus Erde und Rasen geschaffen und Nahrungsmittel, Wasser und Decken deponiert.

Erste Sondierungen in Rudolstadt

Bereits 1864 hatte sich J.A.C. Heise nach Rudolstadt begeben und im Auftrag von Dr. Weise die Situation in der fürstlichen Residenzstadt für eine Entführung sondiert. Aus mangelnder Kenntnis der Tagesabläufe der fürstlichen Familie, der sicheren Bewachung von Schloss Heidecksburg und dem allzu langen Fluchtweg bis zur „Bärenhöhle“ wurde der Entführungsversuch nach Frankenhausen verlagert. Fürst Friedrich Günther verbrachte zusammen mit seinen Kindern, den Zwillingsgeschwistern Helene und Sizzo, mehrere Wochen im Stadtschloss der Nebenresidenz Frankenhausen. Keine Berührungsängste kennend, spielten die Geschwister oft mit den Kindern aus den verschiedensten bürgerlichen Familien der Stadt. Meist nur in Begleitung einer Gouvernante oder eines Dieners waren sie in der Stadt unterwegs.

Plan wurde vereitelt

Am Tag der vorgesehenen Entführung, dem 16. November 1865, waren sie zum Spielen bei der Tochter des fürstlichen Hausarztes, Dr. Clemens, im Haus Kurstraße 10 (heute Pension „Toskana“). Doch das Vorhaben war den fürstlichen Behörden bereits bekannt geworden. Leinweber Heise hatte zwei nicht mehr unbescholtene Bekannte, die Brüder Theodor und August Schlätzer, eingeweiht. Beide verrieten den Plan an die Polizei. Für den 16. November luden sie Heise in ihr Haus am Neumarkt ein, um die Entführung letztmalig durchzusprechen. Wachtmeister Wilhelm Schwager und sein Gehilfe, Gendarm Breternitz, hatten sich in einem Nachbarraum versteckt. Nachdem sie alles gehört hatten, traten sie hervor und überwältigten den völlig überraschten Leineweber. Kurz darauf verhafteten sie Dr. Weise vor seiner Praxis, die sich über dem Gasthaus „Zum grünen Wald“ in der heutigen Poststraße befand. Beide kamen im Gefängnis südwestlich von Schloss Frankenhausen, darin sich jetzt die griechische Taverne „Athos“ befindet, in Gewahrsam.

Fürst zeigte Gnade und spendierte

Während J.A.C. Heise sofort zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe verurteilt wurde, stritt Dr. Weise jegliche Beteiligung ab und wurde vom Gericht in Weimar freigesprochen. Der zuständige Staatsanwalt hatte jedoch einen Verfahrensfehler aufgetan, der im März 1866 zur Wiederaufnahme des Verfahrens vor dem Schwurgericht Jena führte. Dieses verurteilte ihn schließlich zur Verbüßung einer Freiheitsstrafe von 3 ½ Jahren. Auf Bitten von Dr. Weißes Frau und Tochter begnadigte ihn Fürst Friedrich Günther. Allerdings unter der Bedingung der Auswanderung nach den USA, wofür ihm der Fürst auch noch das Geld zur Verfügung stellte.

Mit Ironie nahm Friedrich Günther die Nachricht auf, dass das Schiff, auf dem Familie Weiße in die USA gelangte, den Namen „Barbarossa“ trug. Nach der Sage schlief der Stauferkaiser Friedrich I. (Barbarossa) in den Tiefen des Kyffhäusergebirges. Sowohl die Polizisten als auch die Mitwisser und Denunzianten erhielten von ihm eine finanzielle Belohnung. Einzig Leineweber Heise verbüßte fast die gesamte Strafe und durfte nach der Haftentlassung schwarzburgischen Boden nicht mehr betreten.

Ausbau zur Schauhöhle nicht von Erfolg gekrönt

Schon wenige Jahre nach dem Entführungsvorhaben wandelte sich der Name „Bärenhöhle“ in „Prinzenhöhle“. Wenige Wochen nach dem Tod von Prinz Sizzo 1926 bemühten sich einige Einwohner Rottlebens darum, die Höhle zu einer Schauhöhle auszubauen. Der Erfolg war jedoch nur von kurzer Dauer. In die regionale Presse und Literatur fand der Vorfall als „Schwarzburgischer Prinzenraub“ Eingang. Damit wurde und wird auf den „Sächsischen Prinzenraub“ 1455 auf Schloss Altenburg in Thüringen Bezug genommen, dessen politische Bedeutung natürlich zu einem weit größeren Bekanntheitsgrad geführt hatte.