Lage der »Schänke« nebst anderer Gasthäuser

Holen wir zuerst etwas aus und beleuchten die Geschichte von Seehausen ein wenig.

Begonnen hatte alles mit einer Gräfin Kunigunde von Beichlingen, die dem Benediktinerkloster in Oldisleben eine Schenkung überreicht, in welcher dann auch Seehausen mit erwähnt wird, im Jahre 1101. Das Dorf an sich ist zweifellos wesentlich älter. Die Wurzeln der Besiedlung sind gewiss in der Altsteinzeit zu suchen. Seehausen ist eines der ältesten Dörfer im nördlichen Thüringen und lag am Rande eines vor allem von Überflutungen »gespeisten« Sees.

Hier (Bild 1) eine Abbildung der alten Klosteranlage in Oldisleben.

Als damals Frankenhausen von den Schwarzburgern erworben wird, erwerben die Schwarzburger somit auch die Ortschaft Seehausen von den Grafen von Beichlingen. 1339/40 wird das Ganze perfekt gemacht. Erst wird die Ortschaft in Pacht genommen und dann macht man den Kaufvertrag perfekt. Derjenige, der alles zu verantworten hatte war Günther XXI. von Schwarzburg (Bild 2). Die Namensgebung an sich lassen wir hier einmal weg, die heißen entweder alle Günther oder Heinrich und brauchen dann allenfalls eine Zählung. Aber er, Günther XXI., ist etwas Besonderes. Er hat ein Grabmonument im Frankfurter Dom, denn er war obendrein für mehrere Monate 1349 deutscher König gewesen. Er ist es also, der die Ländereien erwirbt und somit bleiben die Gebiete für sehr lange Zeit in schwarzburgischen Besitz. Sie werden hier immerhin 579 Jahre lang regieren. Das ist eine recht lange Zeit und für manchen noch im 20. Jh. im Gedächtnis.

Seehausen hat nebenbei einiges zu bieten. Ein Ausflug lohnt sich gewiss. Das Dorf feierte 2016 ein sogenanntes »Ortsteilfest«, das erste bisher. Das Ansinnen der Initiierung war schlechthin, unsere Ortsteile bekannt zu machen.

In Seehausen wäre zunächst die Dreifaltigkeitskirche (Bild 3) zu erwähnen, wunderschön anzusehen. Auf der einen Seite mit vielen Einbauten, Spätbarock, Rokoko, sowie mit einer sehr schönen klassizistischen Orgeleinfassung, welche für sich durchaus außergewöhnlich ist. Oben, über der Orgel, den Fürstenhut für die Schwarzburger, darunter auch für den einen oder anderen Fürsten, das eine oder andere Monogramm (Bild 5). Ein Besuch der Kirche lohnt auf jeden Fall.

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(3) Dreifaltigkeitskirche
(4) Steinkreuz
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(5) Orgel der Dreifaltigkeitskirche mit Fürstenhut

Am Ortsausgang in Richtung Oldisleben, an der Straße bzw. Fahrradweg haben wir eines der sogenannten Sühnekreuze/Steinkreuze, die sich hier finden. Für Frankenhäuser ist eher das »Jägerskreuz« in der Nähe des Schlachtberges bekannt. Aber hier ist es ein Steinkreuz, mittlerweile auch schön eingefasst (Bild 4).

Außerdem haben wir eine Besonderheit in der Landschaft. Etwa an der Stelle, an der Oldisleben und Seehausen getrennt sind, nämlich durch den alten Grenzstein Schwarzburg-Rudolstadt in Richtung Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach. Und von diesem Grenzstein nördlich etwa 100 Meter hinein ins Feld steht der älteste Menhir Mitteldeutschlands, rund 5.000 Jahre alt, wahrscheinlich ein Kultstein (Bild 6).

Wie man sieht, man muss nicht unbedingt nach Stonehenge, man findet derartiges auch in Seehausen. Und wie wir recherchiert haben: es gibt keine deutsche (Internet-)Seite, auf der man etwas über diesen Menhir findet. Einzig die Engländer zeigen für derartiges mehr Interesse und führen es auf einer Internetseite an. Wir haben dieses Artefakt jedoch real Vorort, wir müssten es eigentlich nur bekannt(er) machen und entsprechend nutzen.

Wie man sieht, ein Ort mit Geschichte, der etwas zu bieten hat.

Darüber hinaus hat er in Sachen Brauwesen und Gastronomie auch etwas zu bieten. Braurecht hat es nachweislich in Seehausen schon vor dem 30jährigen Krieg gegeben. Das belegt eine Urkunde, die Peter Kawe im thüringischen Staatsarchiv in Rudolstadt ausfindig machte. Älteres Recht lässt sich hierbei nicht nachweisen. Aber so viel ist sicher: Braurecht gab es in Seehausen.

Hier das alte Brauhaus in Seehausen zu sehen (Bild 7). Es gab auch eine sogenannte »Darre« (zum Trocknen der Gerste), diese lag meist am Ortsrand oder Ortsausgang. Die Braupfanne im Brauhaus – so wird berichtet – hatte ein Fassungsvermögen von 1.128 Quart (1 Quart entsprach 1,2 bis 1,4 Liter). Die hierfür benötigte Gerste lieferte das Dorf selbst und die Bauern umliegender Orte. Hopfen jedoch war nicht so einfach verfügbar, der kam aus Bayern. In diesem Brauhaus wurde also Bier gebraut. Seehäuser Bier gab es also, ist also nichts Ungewöhnliches, hatte eigentlich fast jeder Ort zu bieten, der über eine Braugerechtigkeit verfügen konnte.

Was Seehausen darüber hinaus noch zu bieten hat: Die »Schänke«, die hier im »Frankenhäuser Intelligenzblatt« von 1766 genannt wird. Sie gehört zu den ältesten Gasthäusern, die in dieser Frankenhäuser Zeitung oder einer der Frankenhäuser Zeitungen genannt werden. Die Zeitung, die älteste, stammt vom Januar 1765, und hier haben wir den Februar 1766 vorliegen, in der nun jene »Schänke« genannt wird, die in der Gemeinde in Seehausen verpachtet werden soll. Sie ist somit eine der ältesten Ankündigungen in einer Zeitung für eine Schänke überhaupt. Zumindest aus schwarzburgischen Gebiet gehört diese Ankündigung zu den Ältesten.

Wo befand sich nun die Schänke im Ort?

Schauen wir auf dieses schöne Ortsansichtsbild (Bild 9). Wir erkennen die Kirche. Und, damit es die Männer nach den sonntäglichen Gottesdienst nicht allzu weit hatten, in der Kneipe zu landen - die Frauen mussten heim, kochen, wie sich das (damals) gehörte - war natürlich das Wirtshaus, die »Schänke«, nicht weit von der Kirche entfernt.

Nebenbei bemerkt: Ein Merkmal, das viele Städte und Dörfer auszeichnet: Unweit der meist zentralen Kirche befand sich häufig ein Gasthaus, auch oft zusammen mit einer Bäckerei.

Hier noch ein weiterer Blick (Bild 10): das Gemeindegasthaus, es war Gemeindebesitz, die Gemeindeschänke, deswegen auch vom Dorf, von der Gemeinde selbst auch immer verpachtet. Es wurde allerdings eigenes Bier, aus der eigenen Brauerei in Seehausen ausgeschenkt, wenn alles ordnungsgemäß ablief.

Gewonnen wurden in der Brauerei 48 Gebräue = 32 Eimer (nach preußischer Maßangabe 1 Eimer = 68 Liter). Man konnte demnach bis zu 2.000 Liter - mehr oder weniger - selber herstellen. Das war schon ein ganz schöner Schwung. Ansonsten war man hiernach erst mal verpflichtet, das andere Bier aus schwarzburgischen Ortschaften abzunehmen, und erst dann durfte »fremdes« Bier eingeführt werden.

Also, es ist nicht so, wie mancheiner, der ein Fußballabend genießen will; rennt mal schnell in die nächste Verkaufsstelle und holt Krombacher… Das ging nicht. Es musste stattdessen erst einheimisches Bier verkauft werden. Und erst, wenn davon nichts mehr vorrätig war, durfte auch auswärtiges Bier verkauft werden. Protektionismus gab es demnach schon immer… Auf diese Weise hat man ohne Zweifel die eigenen Brauereien geschützt. Ob das Bier nun schmeckte, oder nicht, das weiß jetzt keiner mehr genau zu sagen. wir haben leider keine Flasche mehr aus der Zeit.

Die Verpachtung war relativ kompliziert. Am Anfang gab es nur Pachtzeiten auf 1 Jahr. Das wurde dann schrittweise erst zu Beginn des 19. Jh. angehoben. Zwei Jahre, drei Jahre und später hat man sich auch auf 6 Jahre eingelassen, teilweise auch in Kombination. Derart konnte man die »Schänke« pachten und bekam die Brauerei prompt dazu. Das bedeutete ganz einfach, wie es hier in der Pachtanzeige auch angegeben ist, dass die Möglichkeit bestand, das Bier selber herzustellen und somit auch über den Verkauf zu verfügen. Man hatte somit mehr freie Hand und war »flexibler« bei der Preisgestaltung.

Diese Anzeigen finden sich vereinzelt im »Frankenhäuser Intelligenzblatt«, sind nicht ganz so häufig, aber dennoch ist die eine oder andere Pachtanzeige dort zu finden. Ferner erfahren wir aus dem »Frankenhäuser Intelligenzblatt« von 1849, dass es möglich war, im Lokal zu kegeln. Denn der Schenkwirt Wiegand informierte darin, dass ein »schönes fettes Schwein ausgekegelt« werden sollte. 1866 bot die Gemeindeverwaltung die »Schänke« mit Brauerei, Gastgerechtigkeit, Branntweinschank, Victualienhandel (Lebensmittel) und Schlachterei zur Neuverpachtung an.

Anfänglich waren die Kirmes und das Erntedankfest die jährlichen Höhepunkte in der Gemeinde, bei denen der Schankwirt ein gutes Geschäft machte. Eine Kanne Bier (etwa 2 Liter) kostete 1858 sage und schreibe 1 Silbergroschen und 8 Pfennige. Zum Vergleich: 1850 betrug der Wochenlohn eines Leinenwebers 2 Taler und 3 Silbergroschen. (1 Taler = 30 Silbergroschen)

Ab Mitte des 19. Jahrhundert organisierten die Wirte auch andere Veranstaltungen, wie Konzerte, insbesondere Militärkonzerte, um Gäste in die Schenke zu locken. So war z.B. ab 1880 häufig der Kriegerverein zu Gast, welcher sein »Kriegerfest« durchführte. Der Abbruch des Brauhauses war schließlich gegen 1894/95, wie aus Einträgen ersichtlich ist. Es wurden nämlich 1894 verschiedene Einrichtungsgegenstände verkauft

Ein Blick (Bild 12) auf die »Schänke« aus der neueren Zeit, das eigentliche »Schänke«-Gebäude, rechts im Bild die Straße hinunter geht es zur Dreifaltigkeitskirche. Es schließt sich links ein Neubau an, zu dem wir noch kommen werden.

Bis etwa zum 2. WK/ Ende 2. WK, vielleicht auch ein bisschen darüber hinaus war das eine oder andere an die Schänke angebunden. Wie oben schon kurz angerissen, beispielsweise eine Schlachterei, Fleischerei, Lebensmittelverkauf, es war stets - mehr oder weniger - etwas in Kombination. Nicht unbedingt rein eigenständig die Schank-Wirtschaft, sondern man hatte die Möglichkeit, hier eine ganze Menge mehr mit unterzubringen, was natürlich interessanter für manchen Pächter war, da er somit gewiss war, mit anderen Produkten auch Umsatz machen zu können.

Ab 1912 war der neue Pächter der Gemeindeschänke der Landwirt Albert Setzepfand aus Seega. Seine Pacht betrug 2.250 Mark. Die längste Zeit als Pächter – soweit man dies belegen kann - waren Herr Wendelin mit seiner Frau eingestellt, die es auf stolze 16 Jahre Pachtzeit brachten (von 1920 bis 1936). Just zu dieser Zeit waren zunächst das »Jägermädchenfest« und später das »Räuberfest« beliebte Vergnügungen in der Gemeinde.

Hierzu mal eine kurze Schilderung, wie das damals ablief:

Bei diesem Vergnügen bildeten einige Jugendliche die Räuberbande, die sich im Wald zwischen Seehausen und Oldisleben versteckt hielten und die Gegend unsicher machten. Ziel der jungen Männer von Seehausen war es seit längerer Zeit dieser Bande das Handwerk zu legen. Das Maß der Geduld der Seehäuser war schließlich überschritten, als ein junges Mädchen aus dem Dorf entführt wurde. Daraufhin zog eine »schwerbewaffnete Truppe« in den Wald, um die Räuber dingfest zu machen. Sogar ein Doktor mit Ambulanzwagen und Mädchen waren zugegen, um die »Verletzten« zu betreuen. Letztendlich wurde die Räuberbande nach einer wüsten Knallerei, bei der jede Menge Pulver verschossen wurde, gefangen genommen und abgeurteilt. Der Räuberhauptmann wurde mit dem Tode und seine Gesellen mit lebenslanger Haft bestraft. Anschließend feierten jedoch Sieger und Besiegte gemeinsam ein Versöhnungsfest bei einem Ball bis zum frühen Morgen.

Dieses »Räuberfest« fand gleichwohl in Günserode und Ichstedt regen Zuspruch. Ähnlich verlief auch das »Jägermädchenfest« in der Frankenhäuser Altstadt, in Udersleben und in Seega.

Hier ein Blick von der anderen Seite (Bild 13). Nach dem 2. WK wird die Gemeindeschänke dann von der »Konsumgenossenschaft Artern« übernommen bzw. betrieben und zur »Konsumgaststätte« mit Lebensmittelverkaufsstelle eingerichtet. Als Objektleiter in dieser Zeit sollen hier Kurt Becker, Kurt Kittel, Karl Müller, Gerhard Schilling, Jochen Keil und Heinz Bretschneider genannt werden.

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(13) Schänke östliche Ansicht, 2017
Bild: Peter Kawe
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(14) Einer der letzten Gastwirte (Objektleiter): Gerhard Schilling (r.)
Bild: Peter Kawe

1959 plante man auch einen Ausbau der »Schänke« in Höhe von 15.000 DM. Vorgesehen war, dass die Räumlichkeiten durch einen Klubraum mit Fernseher sowie den Bau eines neuen Saales zu ebener Erde erweitert werden sollten. Das Vorhaben dauert jedoch sehr lange. Am Anfang versuchte man – in den 1950er 1960er Jahren - die LPG davon zu überzeugen, dass sie doch den Bau übernimmt, allerdings verzögert sich die Sache...

Und der Neubau, den wir hier sehen (Bild 15), wird schließlich im Juni 1988 eröffnet. Somit hat man zu ebener Erde an die Gaststätte angebaut, was gleichzeitig eine Mitbenutzung des Saales gewährleistete.

Bei diesem Bildern (Bild 16+17) sind wir bereits in der Umbruchszeit oder auch Wendezeit angekommen. Mittlerweile zieht es auch langsam die Italiener ins Gebiet. Hier speziell: Luigi Vocce. Der Name wurde immer mal anders angeschlagen.

Der Italiener beginnt alsbald 1991 seinen Betrieb, eine Pizzeria, wie wir sehen. Folglich eine ganz andere Bewirtschaftung mitunter, doch man ist rege tätig. Das Pizzageschäft hält ein paar Jahre an.

Später wurde dann noch einmal von der Wirtsfamilie Bretschneider im Jahr 2000 das Wirtshaus übernommen, aber im Jahre darauf, 2001, wurde dann - leider - die gastronomische Einrichtung endgültig geschlossen.

Damit verlassen wir die Schänke und machen uns auf zur »Linde«

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(16) Inhaber Luigi Vocce mit seinem Pizzeria Restorante
Bilder: Peter Kawe
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(17) Terrasse der Pizzeria
Bild: Peter Kawe