„Jägers Kreuz“ im Kyffhäusergebirge

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Jägerskreuz mit sichtbarer Neigung in westliche Richtung.
Aufnahme im Frühjahr 2010.

Unmittelbar am Wanderweg von Bad Frankenhausen zum Segelflugplatz bei Udersleben ragt ein steinernes Kreuz aus dem Waldboden. Obwohl nur zwei bis drei Meter südlich neben dem Wanderweg stehend, muss der vorbeigehende Wanderer schon ein aufmerksamer Beobachter seiner Umgebung sein, damit es ihm „ins Auge fällt“.

Lage des Jägerskreuzes
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Tragödie einer gräflichen Familie wahrscheinlich

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Jägerskreuz im Winter. Hier steht es noch aufrecht.
Aufnahme um 1970

Um den Grund für seine Aufstellung ranken sich nach wie vor verschiedene Geschichten, von denen keine mit Bestimmtheit als der wahre historische Hintergrund angesehen werden kann. Weiteste Verbreitung fand die Sage und Wahrheit verknüpfende Erzählung des 1876 in Weimar geborenen und 1931 in Bad Frankenhausen verstorbenen Schriftstellers Leonhard Schrickel. Als Nachruf auf sein schriftstellerisches Wirken in der Kurstadt zu Fuße des Kyffhäusergebirges veröffentlichte der Inhaber und Redakteur der Frankenhäuser Zeitung, Max Krebs, 1931 mehrfach seine Erzählung „Jägers Kreuz bei Bad Frankenhausen“.

Jäger sollte Zügellosigkeit des jungen Grafen bändigen

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Auf dem Wanderweg vom Panoramamuseum zum Segelflugplatz Udersleben.
Blick nach Westen
Aufnahme im Juni 2014.
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Nur noch wenige Meter... (Blick nach Ost)

Am Beginn seiner Erzählung verwies L. Schrickel auf die Zufälligkeit der Auffindung eines Aktenstückes in einem mit „B“ benannten, nahegelegenen Schloss. Die darin enthaltene Familientragödie einer gräflichen Familie führt uns in das Jahr 1628. Über die deutschen Lande tobte mit all seinen Schrecken seit Jahren der „Dreißigjährige Krieg“.

Das hielt den jungen Erben einer gräflichen Familie nicht davon ab, ein wildes und ungezügeltes Leben zu führen. Seine verzweifelnde, doch auch tatkräftige Mutter schickte ihn eines Tages auf ein Familiengut nahe dem Kyffhäusergebirge. Auf dem Gut wohnte ein bereits betagter Jäger, der seit rund 40 Jahren den Waldbesitz und die Jagdbefugnisse der Familie im Kyffhäuser verwaltete. In ihm sah die Mutter des jungen Grafen den lebenserfahrenen Mann, dem es gelingen könnte, die Wildheit und Zügellosigkeit ihres Sohnes zu bändigen.

Doch anfangs suchte der alte Forstmann und Jäger vergebens, dem Grafen die Grundzüge des Forstwesens und die Obliegenheiten der Jagd nahe zu bringen. Nicht zu bändigen, durchstreifte dieser die Kyffhäuserwaldungen und legte die Jagdordnung so aus, wie er es für richtig hielt. Es war ihm gleich, ob seine Kugeln das Wild streckten oder Dorfbewohner beim Holzsammeln und Beeren pflücken oder Pilze suchen körperlich verletzten.

Jäger verzweifelte und reichte seinen Abschied ein

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Jägerskreuz verborgen im Dickicht des Waldsaumes.
Aufnahme im Juni 2014

Bald erhob sich in den umliegenden Dörfern ein „Geschrei“ und so manche Drohung gegen die Willkür des Grafen wurde hörbar. War es nicht schon schlimm genug, dass die Greuel des Krieges auch die Kyffhäuserregion erreichten? Nun gebärdete sich auch noch ein junger Landadeliger in aller Wild- und Rohheit, vernichtete oder vertrieb den Wildbestand und ließ schließlich den alten Jäger verzweifeln und seinen Abschied einreichen.

Erst jetzt versprach der junge Mann Besserung und ließ sich von dem alten Jäger ernsthaft schulen. War er am Tag ein williger „Lehrbursche“, so setzte er in der Nacht seine maßlosen Pirschgänge fort.

Jäger ahnte nicht, wer hinter Wildereien steckte

Immer öfter fand der Jäger geschossenes oder verendendes Wild. Im Glauben, da seien Wilderer am Werk, klagte er dem Grafen den Jagdfrevel. Doch dieser machte ihn persönlich dafür verantwortlich. Nun gönnte sich der alte Jäger weder am Tage noch in der Nacht Ruhe und legte sich auf die Lauer, die vermeintlichen Wildschützen zu ertappen. Nicht ahnend, dass der junge Graf sich hinter all den Wildereien verbarg, blieben seine Nachforschungen lange Zeit ohne Erfolg. Begab sich der Jäger auf seine Kontrollgänge, schlug der junge Graf eine andere Richtung ein.

Eines Nachts, der Mond schien hell, sah der Jäger auf einer Lichtung einen kapitalen Sechzehnender äsen. Den Hirsch beobachtend, fiel ihm keine hundert Schritte entfernt ein Schatten auf, der sich lautlos durch das Gehölz auf diesen zubewegte. Kaum entdeckt, löste sich ein Schuss und der Hirsch brach zusammen. Der Jäger legte auf den Schatten an und drückte ab.

Herangekommen, lag vor ihm der junge Mann im Gras. In der Schulter getroffen, war er benommen, jedoch am Leben. Verzweifelt und entsetzt, suchte der Jäger sich mit seinem Weidmesser selbst zu richten. Während der Jäger im Wald sein Leben aushauchte, raffte sich der Graf auf und schleppte sich zurück ins Quartier.

Graf bereute seine Missetaten

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Zeit seines Lebens behielt er einen steifen Arm. Der tote Jäger wurde jedoch nicht heim geholt, sondern an Ort und Stelle im Walde beigesetzt. Seine Missetaten bereuend, veranlasste der junge Graf das Setzen eines „Sühnekreuzes“ an betreffender Stelle. Damit es weithin sichtbar sei, ließ er den rings umgebenden Baumbestand roden. Auf der freien Fläche wurde ein Feld angelegt und alljährlich bestellt.

In der Tat gab es im Umkreis des Sühnekreuzes bis ins 19. Jahrhundert hinein einen nur geringen Baumbestand. Die Ursache dafür war allerdings die in Frankenhausen betriebene Saline. Zum Sieden des Salzes wurde in den Siedehütten viel Feuerholz benötigt.

Laut den Aufzeichnungen der Salzsieder wurde kaum ein Baum älter als 12 Jahre, dann wurde er bereits geschlagen. Erst die strengen Forst- und Waldordnungen seit dem 19. Jahrhundert führten zu einer Erholung des Baumbestandes. Geht man heute den genannten Wanderweg östlich des Panoramamuseums, trifft man gleich an der Waldgrenze auf des „Jägers Kreuz“.