Wirtschaftskrise und Weltkriege

Der Eisenbahndirektion war es gleich, ob die Stadtverwaltung Frankenhausen in der Lage war, die Garantiesumme aufzubringen. Nach ihrer Meinung hatte die Stadt inzwischen einen gehörigen Zahlungsverzug und forderte umgehend die Zahlung von 1.920 Reichsmark. Allgemein mussten alle Seiten feststellen, dass die Firmen mehr Mitarbeiter entlassen, als eingestellt hatten und somit wahrscheinlich nicht mit der Aufrechterhaltung der verlangten Garantiesummen durch die Eisenbahndirektion gerechnet hatten.

Um einer Vollstreckung zu entgehen, machte Frankenhausens Zweiter Bürgermeister, Gustav Ibing, 1928 ein neues Angebot in Höhe von 750 RM. Er ging dabei davon aus, dass sich die Fahrgastzahlen durch Neueinstellungen bei den Firmen »Lindner & Co.« (Elektroinstallation) in Jecha und der Gewerkschaft »Glückauf« (Kalibergbau) in Sondershausen erhöhen würden. Nun machte die Eisenbahndirektion im Gegenzug noch eine Forderung auf.

Im Interesse von mehr Sicherheit an der Strecke, sollte die Stadtverwaltung am Bahnübergang in Richtung Seehausen die ihr gehörenden Obstbäume fällen. Sollte die Stadtverwaltung auf diese Forderung eingehen und die Kosten übernehmen, wollte die Reichsbahn lediglich noch eine Summe von 960 RM. Die Stadtverwaltung Frankenhausen schlug dem Stadtrat umgehend vor, diesem als Vergleich zu wertenden Vorschlag zuzustimmen. In der Hoffnung, durch die Aufrechterhaltung der Züge die Zahl der Erwerbslosen zu senken, indem diese in Sondershausen eine Arbeit aufnehmen könnten, stimmte der Stadtrat zu. Doch war die Wirkung nur vorübergehend. Mit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1929 schnellten die Arbeitslosenzahlen gleichsam wieder in die Höhe.

Das Arbeitsamt verlangte zudem vom Stadtvorstand, darauf Einfluss zu nehmen, die Arbeiter nicht mit dem Fahrrad zur Arbeit kommen zu lassen. Es sollte Solidarität mit denen geübt werden, die über kein Fahrrad verfügten.

Für alle Arbeitenden im Kaliwerk ergaben sich auf Grund der Abfahrtszeiten der Züge noch unverhältnismäßig lange Wartezeiten auf den Bahnhöfen. Auf diesen Umstand reagierte der Bergbauindustriearbeiterverband Deutschlands. Er schlug deshalb der Reichsbahn vor, an den Güterzug 16.30 Uhr ab Sondershausen einen Personenwagen in Richtung Frankenhausen – Bretleben anzuhängen. Bisher mussten vor allem die Übertagearbeiter im Kaliwerk von 15.30 bis 19.22 Uhr auf die Abfahrt ihres Zuges warten. Den Wagon sollten auch andere Reisende und Hausfrauen benutzen können, die in Sondershausen Einkäufe erledigt hatten und nach Hausen fahren wollten.

Die Eisenbahndirektion ging darauf ein und ließ hinter der Lok einen Personenwagen 3. Klasse einfügen. Nachteilig blieb jedoch, dass dieser Güterzug wie alle Güterzüge auch 30 min vor der fahrplanmäßigen Abfahrtszeit abgelassen werden konnte. Berücksichtigt werden musste ebenso, dass beim Rangieren alle Reisenden kurzzeitig aussteigen mussten.

Auch kleinere Unternehmer und Betreiber von touristischen Attraktionen machten ihre Vorstellung gegenüber der Reichsbahn kund. So verlangte der Freiherr von Rüxleben, Besitzer von Schloss und Gut Rottleben, zur besseren Erreichbarkeit der Barbarossahöhle durch Touristen eine Fahrplanänderung. Allerdings blieben seine Vorstellungen bei der Reichsbahn unberücksichtigt.

Zu Beginn der 30er Jahre trat auch der Erste Bürgermeister der Kreisstadt Sondershausen an die Eisenbahndirektion Erfurt heran. Er unterbreitete vier Vorschläge, die im Bereich von Bildung und Kultur, insbesondere bei Lohkonzerten, Landestheater und höheren Schulen zu höheren Besucherzahlen aus den umliegenden Gemeinden führen sollten:

  1. Verbeerung der Anlüe in den Abendſtunden bis Miernat (bisher Zug 19.17 Uhr zu früh; Zug 0.27 Uhr zu ſpät)
  2. Der Zug Bretleben – Frankenhauſen 15.46 Uhr mu unbedingt wieder bis Sondershauſen durgeführt werden
  3. An Sonn- und Feiertagen und in der Sommerzeit ſote abends gegen 23.00 Uhr ein Zug Sondershauſen – Bretleben eingeſet werden, der unbedingt Anlu an andere Züge in Bretleben erhalten ſote
  4. Die Streenbezeinung ſote zur beeren Übert von »Sondershauſen – Bretleben« in »Sondershauſen – Artern« umbenannt werden

Diesen Forderungen wurde jedoch nur teilweise entsprochen.

Chaotische Zustände 1934 in Frankenhausen

Einer Anfrage der Stadtverwaltung Sondershausen folgend, erhob das Kreisamt Sondershausen (frühere Bezeichnung für Landratsamt) Bedenken wegen der Sicherheit an einzelnen Bahnübergängen, da hier die Geschwindigkeit auf 50 Km/h erhöht wurde. Die Eisenbahndirektion rechtfertigte die Geschwindigkeitserhöhung mit den notwendigen Sicherheitsvorkehrungen wie den angebrachten Blinklichtern.

Allerdings gab es an den Bahnhöfen auch Engpässe in der Weiterbeförderung der Reisenden. Als am 2. September 1934 am Bahnhof Bad Frankenhausen ein Sonderzug mit 1.400 Passagieren eintraf, kam es zu chaotischen Zuständen. Auf die 600 Reisenden, die hier aussteigen sollten, warteten gerade einmal 3 Pkw der Reichspost und 2 Pferdefuhrwerke. Da die Organisation nicht klappte, wanderte die Mehrheit der Reisenden mit ihrem Gepäck zu Fuß auf den Kyffhäuser. Lediglich für die anderen 600 Reisenden, die die Barbarossahöhle besuchen wollten, warteten in Rottleben weit mehr Transportmittel. Hier hatte die Reichspost bessere Vorsorge getroffen.

In Bad Frankenhausen hatte sich zudem zusätzlicher Unmut unter den Reisenden breitgemacht. Nicht allein, dass sie sich auf »Schusters Rappen« zum Kyffhäuser begeben mussten, es wurde Ihnen seitens der Fuhrunternehmer gleich noch der Rücktransport vom Kyffhäuser zum Bahnhof berechnet. Der umtriebige Fuhrunternehmer wurde hierauf in die Diensträume von Bürgermeister Dr. Werner zitiert und gemaßregelt. Schlechte Kritiken konnte die Tourismusbranche in Bad Frankenhausen schlecht gebrauchen.

Im Mai 1940 erreichte den Bad Frankenhäuser Bürgermeister eine ganz persönliche Beschwerde. Durch eine höhere Anweisung war der Anschluss an den 7.44 Uhr Zug ab Bad Frankenhausen in Bretleben nicht mehr erreichbar. Davon betroffen waren u. a. Reisende zu spezialärztlichen Behandlungen bzw. Besucher höherer Bildungseinrichtungen in Erfurt, Arbeiter und Angestellte zum Schichtwechsel nach Sömmerda (Fa. »Rheinmetall«). Betroffen waren auch die Kurgäste des Solbades, die sich in ihren Ansichten Luft machten:

Bei der derzeitigen Beanſpruung (Kriegseinſa – H.K.) der Volksgenoen iſt es ein unbiiges Verlangen, wenn unnötiger Slaf geopfert werden ſo.

Rüstungsbetriebe machten Druck

Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und der stetig steigende Bedarf an Rüstungsgütern brachten ebenfalls Veränderungen. Der Fahrplan wurde dem Schichtsystem der Rüstungsbetriebe, vor allem der »Rheinmetall« in Sömmerda angeglichen. Alle Anschlüsse fuhren nun nicht mehr allein ab Artern, sondern auch ab Bretleben, damit die Beschäftigten in der Rüstungsindustrie direkten Anschluss hatten.

Ab Mitte 1944 fielen alle D- und Eilzüge aus, um Lokomotiven und Personal für den Güterzugdienst freizubekommen. Eine Ausnahme bildeten lediglich die Fronturlauberzüge. In den Personenzügen fanden Ausweiskontrollen statt, um „feindliche Spionagetätigkeiten“ zu unterbinden.

Mit Dauer des Krieges wurde zunehmend auch die Bahnlinie Bretleben – Sondershausen von den Ereignissen betroffen. Neben Luftangriffen auf den Flugplatz Esperstedt durch alliierte Flugzeuge wurde im Februar 1945 auch ein Güterzug im Bahnhof Esperstedt angegriffen. Laut Aussagen des amerikanischen Piloten (freundlicher Hinweis von Heimatforscher Fred Dittmann, Kelbra), sollte der Zug nebst Lok zerstört worden sein. Einem Protokoll der Reichsbahn zufolge, soll der Zug aber den Bahnhof Bad Frankenhausen erreicht haben.

Inferno durch Zusammenstoß

Durch den Aufeinanderprall zweier Züge am 8.Mai 1945 im Bahnhof Berka/Wipper wurde ein Inferno durch mit Benzinkanistern beladene Güterwagen angerichtet. Bei diesem Unfall brannten das Bahnhofsgebäude von Berka, ein Wohnhaus auf der gegenüberliegenden Straßenseite sowie eine Lokomotive vollständig aus. Das verbrannte Personal der Lokomotive konnte erst nach mehreren Tagen der Abkühlung des Zuges geborgen werden. Als Ersatz für das Empfangsgebäude wurden zunächst Baracken aufgebaut. Dieses Provisorium stand bis Anfang der 50er Jahre.