Erste Erfolge – Erste Probleme

Mit der landespolizeilichen Abnahme der Strecke am 22. und 23. September 1898 und der Eröffnung der Strecke zum 1. Oktober des Jahres ging der Bahnbau zu Ende. Zur Überprüfung der Strecke hatte sich bereits am 20. September 1898 ein Zug von Sondershausen nach Frankenhausen in Bewegung gesetzt. Gleichzeitig fand die Besichtigung der Strecke durch höhere Beamte der Königlich-Preußischen Eisenbahndirektion Erfurt sowie zahlreicher geladener Gäste statt. Zu ihnen gehörten Vertreter der anliegenden Gemeinden, Domänen und Gutsbezirke.

Mit der Besichtigung der Strecke wurde am Seegaer Weg in Frankenhausen begonnen. Der Zug hielt daraufhin an jedem Wegübergang auf der Strecke. Glücklicherweise zeigte diese Besichtigung keinerlei Mängel auf. Bereits zur Eröffnung der Strecke standen die Haltestellen und Bahnhöfe Rottleben, Göllingen, Hachelbich, Berka bei Sondershausen, Jecha und Sondershausen Possenallee (später Südbahnhof) den Reisenden zur Verfügung. Die Bahnhöfe hatten die Befugnis zur Abfertigung von Personen, Reisegepäck, Frachtstückgut, Wagenladungen und lebenden Tieren. Der Haltepunkt Sondershausen Possenallee nur zur Personen- und Gepäckabfertigung. Die Annahme und Ausgabe von Leichen, Sprengstoffen, Fahrzeugen oder Privatdepeschen nur an bestimmten Bahnhöfen wie Frankenhausen oder Sondershausen Hbf.

Die Fertigstellung der Strecke trug zur weiteren Hebung der bereits in Blüte stehenden Landwirtschaft, der besseren Zuführung der Produkte der Kaliwerke, der Rübenernte zu den Zuckerfabriken, zur lebhaften Förderung der bereits bestehenden Industrie (KnopffabrikationLederverarbeitung) und dem Antransport von Braunkohle und Briketts aus der Kohlegruben zwischen Esperstedt und Udersleben bei. Davon zu profitieren vermochte auch der Tourismus. Die Besucherzahlen von Kyffhäuser, Barbarossahöhle oder Possen zeigten eine steigende Tendenz. Hinsichtlich des Berufsverkehrs zeigte der Fahrplan für den nun vollständigen Streckenverlauf Bretleben – Sondershausen noch einige Mängel:

Fahrplan: Bretleben – Frankenhausen - Sondershausen

Bretleben ab 8.01 11.36 15.05 18.33
Esperstedt an 8.12 11.47 15.15 18.42
Frankenhausen an 8.27 12.02 15.29 18.53
  ab 8.40   15.35 21.10
Rottleben ab 8.51   16.04 21.22
Göllingen ab 9.01   16.21 21.33
Hachelbich ab 9.10   16.38 21.43
Berka ab 9.20   17.09 21.54
Jecha ab 9.29   17.18 22.04
Sond. Possenallee ab 9.36   17.25 22.15
Sond. Hauptbhf. an 9.43   17.31 22.21

Fahrplan: Sondershausen – Frankenhausen – Bretleben

Sond. Hauptbhf. ab   7.30 12.15 18.30
Sond. Possenallee ab   7.35 12.27 18.37
Jecha ab   7.45 12.41 18.43
Berka ab   7.54 12.56 18.51
Hachelbich ab   8.07 13.13 19.00
Göllingen ab   8.13 13.23 19.08
Rottleben ab   8.22 13.44 19.17
Frankenhausen an   8.28 13.55 19.27
  ab 6.54 10.34 14.27 19.36
Esperstedt ab 7.11 10.53 14.40 19.52
Bretleben an 7.20 11.02 14.45 20.01

Mehrere Stunden bis zum nächsten Anschlusszug - Direktion in Erfurt blieb stur

Kaum war der Fahrplan in Kraft, kamen die ersten Kritiken und Änderungswünsche. So mussten Anschlüsse in Bretleben nach Sangerhausen und Erfurt aufgegeben werden. Für gut betuchte Reisende gab es gegenüber dem Bahnhof Bretleben für einen längeren Zeitraum ein Hotel. Die fehlenden Anschlüsse machten sich z. B. bei der Zustellung von Zeitungen, Briefen und Paketen bemerkbar, die erst nach Postschluss am Bestimmungsort eintrafen. Den Reisenden erwartete das unangenehme Vergnügen einer Wartezeit von 4.30 Uhr bis 8.33 Uhr am Morgen und 16.30 Uhr bis 18.33 Uhr am Abend bevor. Obwohl es an Bemühungen nicht mangelte, zu einer annehmbaren Lösung zu gelangen, lenkte die Eisenbahndirektion Erfurt nicht ein.

Laut einer Beilage der »Frankenhäuser Zeitung« konnten die Reisenden selbst an kleinen Bahnhöfen wie Esperstedt, Rottleben oder Göllingen Fahrkarten nach 40 großen Orten in Deutschland erwerben. In den meisten Bahnhöfen bzw. Haltestellen sind Bahnagenten, die gerade ihren Militärdienst absolviert hatten, angestellt. Ihnen oblag der Dienst im inneren wie äußeren Bereich. Zu ihnen gehörten in:

Rottleben Hermann Erfurt
Göllingen August Tetzel (Schankwirt aus Göllingen)
Hachelbich August Blume

 

Am Bahnhof Frankenhausen waren bedruckte bzw. schon ausgeschriebene Fahrkarten zu mehr als 200 Orten erhältlich. Im Güterverkehr wurde ein großes Aufkommen erwartet. So wurden täglich 10 Wagen mit Kohle aus Esperstedt zur Gewerkschaft »Glück Auf« bei Sondershausen erwartet. Neben dem Kalischacht »Großherzog Wilhelm Ernst« in Oldisleben entstanden die Schächte und Kalifabriken der Konzerne »Günthershall« in Göllingen sowie deren Kaliwerk Berka/Wipper (»Raude« - Glück Auf IV) mit dem angeschlossenen Schacht »Müser« im Einzugsgebiet der Eisenbahnlinie Bretleben – Sondershausen. Andere Güter, meist aus der Landwirtschaft, z. B. Rüben, trugen jahreszeitlich bedingt zu einem hohen Aufkommen bei.

Das Aus für die Postkutschen

Mit der Bahneröffnung auf der gesamten Strecke endete im Postwesen die Personenpost von Frankenhausen nach Sondershausen. Deren Ende wurde in Sondershausen mit geschmückten Pferden und Kutsche unter großer Anteilnahme der Bevölkerung begangen. Die übliche Postbeförderung erfolgte durch Vermittlung so genanter Schaffnerbahnposten in bestimmten Zügen mit besonderen Packwagen, die ein separates, abschließbares Postabteil besaßen. Der Postaustausch zwischen den Schaffnerbahnposten und der Postagentur Bendeleben erfolgte auf dem Bahnhof Rottleben. Eine Posthilfstelle wurde im Bahnhof Göllingen eingerichtet. Durch den Zugverkehr mit den Schaffnerbahnposten erhöhte sich die Leerung der Briefkästen in Frankenhausen auf fünf Entleerungen täglich!

Auch kuriose »Erfindungen« brachte die Bahn hervor: So wurde ein Stationsmelder - betätigt durch Knopfdruck des Zugführers im Dienstwagen (Packwagen mit Dienstabteil) mehrsprachig und mit Dauer des Aufenthaltes auf den Bahnhöfen - installiert. Zum Wecken der schlafenden Reisenden diente 1898 ein Wecker. - Was für ein Service gegenüber heute?!

Auch wurde ein starker Sonntagsreiseverkehr von und nach Erfurt und Sangerhausen festgestellt. Da waren die Züge mit 22 Achsen (etwa 10 Wagen) voll ausgelastet.
Mit Wegfall des Nachmittagzuges verschlechterte sich die Lage der Reisenden und der Gewerbetreibenden zusehends.