Ehrenbürger - geehrt ...und vergeen?

Die Trauerfeier für Wilhelm Schall, Ehrenbürger von Frankenhausen und Seega, gestaltete sich zu einem erhabenen Ereignis inmitten des Krieges. Verstorben im Oktober 1916, gilt W. Schall bis heute als herausragender Förderer und Mäzen im sozialen Bereich. Den Spenden seiner Familie dankt die Stadt die Kinderkureinrichtungen an der Wipper, dass Wilhelmstift zur Aufnahme von Kindern und Jugendlichen oder das erste Altenpflegeheim (heute AWO Seniorenzentrum Marie Schall). Gleich zu Beginn des Krieges stellte die Familie ihre »Villa Therese« zur Einrichtung eines Lazarettes zur Verfügung. Dem 1922 verstorbenen Kreisphysikus i. R. Dr. med. Ernst Graef verdankte Frankenhausen seine zweite große Blütezeit als Kurbad.

Mit seinem Tod ging das Wohnhaus der Familie in den Besitz der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) über, die hier vorübergehend auch ihren Kreissitz hatte. Die jeweilige Ernennung zum Ehrenbürger verband sich allein mit dem sozialen und gesellschaftlichen Engagement der beiden. Dagegen waren die Ehrenbürgerernennungen von Knopfmacher Karl Apel im August 1917 und Landtagspräsident Franz Winter im Januar 1918 sowohl sozial als auch politisch geprägt. Beide erhielten ihre Ernennung für 25jährige Mitgliedschaft im Stadtrat und ihr außergewöhnliches Wirken in der Armenfürsorge. Ihre Ernennung erfolgte jeweils durch einen einstimmigen Beschluss des Stadtrates und erfolgte während der Vakanz im Amt des Ersten Bürgermeisters.

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Karl Apel (1850 – 1929) um 1922.
Foto: Regionalmuseum Bad Frankenhausen

Mit der Ernennung der beiden Sozialdemokraten und Befürwortern der Abschaffung der Monarchie provozierte Frankenhausens Stadtrat Fürst Günther Viktor und seinen konservativen Staatsminister. Bereits vor dem Tod von Dr. Graef im Herbst 1922 wurden in Frankenhausen und Seega Stimmen laut, die ein zu geringes Gedenken an Wilhelm Schall wahrzunehmen glaubten. Höchstwahrscheinlich auf Initiative von Heimatdichter Paul Schröder (1861 – 1931) ging daraufhin die Anlegung des so genannten Ehrenbürgerweges durch und um Frankenhausen zurück. Von den vier genannten Ehrenbürgern hatte Dr. Graef bereits eine Gedenktafel an seinem Wohnhaus in der Klosterstraße erhalten und für F. Winter wurde die Franz-Winter-Bank aufgestellt. Bei W. Schall sprach sich der Stadtrat zum Erhalt der Familiengrabstätte auf dem Alten Friedhof in der Zinkestraße aus. Dies jedoch erst nach dem Beginn der Umgestaltung zum »Botanischen Garten« nach 1928. Zu diesem Zeitpunkt war die Gestaltung des Ehrenbürgerweges bereits wieder zu den Akten gelegt worden. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass sich Frankenhausens Stadtrat auf Grund der zahlenmäßigen Stärke der SPD nicht zu der in Thüringen weitverbreiteten Ernennung von Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg zum Ehrenbürger entschließen konnte.

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Grabsteinplatte für Franz Winter
(1860 – 1920) auf dem städtischen Friedhof.